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Freies Lernen

Ist es möglich, dass Menschen alles, was sie zum Leben – oder besser gesagt: für IHR EIGENES LEBEN – brauchen, einfach so selbständig erlernen können. Also ohne Schule?

Ich sage jetzt mal Ja! Freies Lernen, also selbständiges Lernen nach einem individuellen Bedürfnis. Motiviert einzig und allein, durch das eigene, persönliche Interesse. Durch die natürliche Neugier, die Welt zu erfahren, zu erforschen, zu ergründen – zu verstehen!

 

Wie geht das denn??

Schauen wir uns die Menschen einmal an: da haben wir ein hilfloses Neugeborenes, das zwar schon einiges mitbringt an Qualitäten, um sein Überleben zu sichern, aber sollte dieses winzige Wesen etwa in der Lage sein, später einen Beruf zu erlernen, ohne dass man ihm bestimmtes Wissen aktiv beibringt?

Es gibt Menschen, die der Ansicht sind, wenn sie Babys in einen Laufstuhl stellen, dass es dann schneller laufen lernt. Es gibt Menschen, die denken, man müsse 0-2-Jährigen schon aktiv eine fremde Sprache beibringen, damit sie es irgendwann zu etwas bringen. Ja, da gibt es so allerhand lustige Vorstellungen auf unserer Welt, was man alles bereits mit so kleinen Kindern anstellen kann, um sie auf „IHR“ Leben vorzubereiten.

Aber wie lernt denn nun ein Kind?

Irgendwie schafft es dieses Baby nun, herauszufinden, welche Muskeln es anspannen muss, um den Kopf zu heben. Warum? Weil es die Welt erblicken will!

 

Danach lernt es, sich zu drehen, sich fortzubewegen, zu sitzen, aufzustehen und schliesslich zu laufen. Weil sie Menschen um sich herum machen, denen sie es gleich tun wollen oder vielleicht auch aus dem inneren Drang heraus, dass das – genau das – ihre Bestimmung ist. Das faszinierende: Alles baut aufeinander auf. Die motorischen Entwicklungsschritte folgen einer inneren Anleitung, um es schliesslich im freien Gehen zu Vollendung zu bringen. 

 

Und dann müssen wir anfangen, ihnen was beizubringen!

Bis dahin können die meisten von uns noch die Eigenständigkeit der kindlichen Entwicklung nachvollziehen und akzeptieren. Aber spätestens jetzt, beginnen viele mit frühkindlichen Fördermassnahmen. Doch wenn dieser Grundstein der ersten motorischen Entwicklung erst einmal erreicht ist, beginnt das Kind, denn nun ist es quasi auf Augenhöhe mit seinen Mitmenschen, die nächste Stufe zu erklimmen: Kommunikation! Es lernt Schritt für Schritt seine Muttersprache(n).

Auch das lernt es völlig selbständig, indem es gezielte Fragen stellt: „Da?“ (Was ist das?) So wird nach und nach die Welt um sie herum verbalisiert.

Aber jetzt! Jetzt ist doch wirklich der geeignete Zeitpunkt, um meinem Kind etwas beizubringen? Könnte man meinen. Aber wenn wir unsere Kinder einfach in Ruhe lassen, werden wir feststellen, dass sie auch jetzt wieder von sich aus etwas lernen. Es kommen soziale Regeln, wie z.B. alles ist MEINS. Wenn sie gelernt haben, dass alles MEINS ist, folgt irgendwann der Schritt: MEINS und DEINS! Jetzt wird sorgfältig getrennt. Und viele Eltern bekommen in dieser Zeit eine Krise, weil das Kind partout nicht teilen will! Aber keine Sorge, auch dieser Schritt folgt, wenn MEINS und DEINS verinnerlicht sind: „Du kannst jetzt MEINS haben und ich DEINS, aber wenn wir fertig sind, geben wir die Sachen wieder zurück.

Aber natürlich findet in dieser Zeit auch eine kontinuierliche Wissensaneignung statt: Farben, Tierarten, Automarken, ja sogar erste Zahlenwerte werden ergründet und erlernt. Weil es Dinge sind, die zum Alltag gehören, und die für unsere Kinder selbstverständlich dazugehören.

 

Im Kindergarten ist aber Schluss damit!

Jetzt sollte das Kind aber wirklich beginnen Fertigkeiten zu erlernen, die es auf die Schule vorbereiten. Also zeigt man ihnen, wie sie malen, kleben, schneiden sollen. Bringt ihnen soziales Verhalten durch Umgangsregeln bei, nicht selten durch Straf- und Belohnungssysteme (stiller Stuhl, Sternchen sammeln, etc.)

Meine Jungs haben quasi eine Allergie gegen das Basteln. Kann ich machen, was ich will, da kommt selten Freude auf. Und trotzdem haben sie gelernt, wie man mit einer Schere umgeht. Wie das? Sie haben tagelang Papier mit der Schere in klitzekleine Teilchen zerlegt. Das hat offenbar Spass gemacht. Und ehe ich mich versah, konnten sie plötzlich auch kompliziertere Muster ausschneiden. Sie haben es wirklich einfach so gelernt.

 

Auch die sozialen Kompetenzen lernen sie im Umgang mit allen Mitmenschen um sie herum, nicht nur mit Gleichaltrigen und vor allem ohne fixe Regeln, sondern im Gespräch, in der Beziehung und natürlich auch im Konflikt.

 

Also bereit jetzt für die Schule!

Wir haben uns gegen die Schule entschieden und leben als Homeschooler in der Schweiz. Meine Jungs spielen SEHR viel und was sie dabei lernen, ist für mich immer wieder unglaublich und stärkt mein Vertrauen darin, dass JEDER Mensch wirklich aus sich heraus alles lernt, was er für sein Leben braucht.

Vielleicht wird nicht aus jedem Menschen ein promovierter Wissenschaftler, vielleicht aus dem einen ein Bäcker oder Handwerker, aus dem anderen ein Musiker oder Zirkusartist, etc. Wir haben also auch hier wie nach unserer Regelschulzeit auch, die Möglichkeit, jeden Beruf zu erlernen, der für uns der richtige ist. Jeder Beruf hat seinen Wert für unsere Gesellschaft und ist gleichermassen wichtig.

Gut werden jetzt einige denken, wenn sie zuhause unterrichten, ist halt die Mutter die Lehrerin, die Lesen, Schreiben, Rechnen beibringt. Ich muss euch enttäuschen. Beide meiner Kinder haben sich selbst beigebracht. Ich habe lediglich ihre Fragen beantwortet. Beide haben damit begonnen, sich für Buchstaben zu interessieren. „Was ist das für einer?“ und „Wie heisst der?“ Der eine hat es sich sofort gemerkt, der andere musste ein paar Mal nachfragen.

Als alle Buchstaben gelernt waren, wollte mein Grosser wissen, wie man liest? Ich habe es ihm einmal vorgemacht und er hat es verstanden. Ca. 1 Jahr lang hat er so ziemlich alles versucht zu lesen, was ihm begegnet ist, er hat geübt und geübt und mit 5 Jahren konnte er flüssig lesen. Schreiben übrigens im gleichen Atemzug. Der Jüngere hat erst nicht verstanden, wie das mit dem Lesen funktioniert und sich lieber aufs Schreiben konzentriert. Er wollte ALLES selbst aufschreiben, Buchstaben üben, Wörter für Wörter. Und plötzlich konnte er die ersten Worte selbst schreiben. Und 3x dürft ihr raten: er konnte plötzlich lesen. Auch er ist jetzt 5 und liest fast flüssig.

Glück gehabt, werden jetzt manche denken. Mein Kind ist da anders. Das kann sein, doch ich glaube, dass der Unterschied einzig und alleine in der Zeit liegt. Wann macht ein Kind diesen Schritt? Viele machen ihn schon mit 4-5 Jahren. Andere erst mit 8 oder 9. Von daher hatte ich schon Glück, dass meine Jungs, da so früh dran waren, denn es spart mir hinsichtlich des Homeschoolings jede Menge Druck und Stress seitens der Behörden. Dennoch bin ich der Ansicht, dass JEDES Kind irgendwann von sich aus lesen und schreiben lernen würde. Voraussetzung dafür: Man lässt es und man beantwortet seine Fragen.

Sie lernen übrigens auch selbständig rechnen, die Uhr und haben mit ihren 7,5 und 5 Jahren eine Allgemeinbildung, von der ich als Gymnasiastin nur träumen konnte.

 

Glück oder natürliches Lernen?

Ist das nun Glück, dass meine Kinder so interessiert an allem sind oder handelt es sich hier um natürliches Lernen, so wie wir es auch beim Neugeborenen und Kleinkind haben? Und was ist meine Aufgabe dabei?

Wie schon anfangs geschrieben, habe ich Vertrauen in dieses natürliche Interesse, an die natürliche Neugier, die Welt immer weiter und detaillierter verstehen zu wollen und zu ergründen. Wie bei der motorischen Entwicklung bauen auch hier die Lernschritte aufeinander auf, ergänzen und kombinieren sich.

Nach den „Was-Fragen“ folgen die „Warum-Fragen“, danach die „Wie-Fragen“. Und hier bin ich bei meiner Aufgabe gelandet, aber auch bei der Aufgabe aller Erwachsenen, die den Kindern bei bestimmten Wissen weiterhelfen können: Fragen beantworten! Sich von der Neugier anstecken lassen und gemeinsam etwas rausfinden wollen! Schauen, welche Person etwas Bestimmtes weiss und dort nachfragen. Bücher, Internet, Filme nutzen, um an Wissen zu gelangen. Dort helfen, wo wir um Hilfe gebeten werden, nicht ungefragt Wissen vermitteln wollen.

 

 

Ich freue mich auf Eure Kommentare, Euer Feedback, Eure Erfahrungen… 

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Kommentare: 3
  • #1

    Gebhard Sam (Dienstag, 20 Februar 2018 17:56)

    Ein wirklich sehr wertvoller Artikel. Lass mich mal einen Punkt raus greifen, der mir besonders aufgefallen ist: "Erwachsene stellen Kindern keine Fragen, sondern sie geben Antworten. "
    Mein Thema ist freie Musikentfaltung für Kinder, da gehe ich genau so vor. Alles, was du geschrieben hast lässt sich direkt auf Musik machen übertragen. Danke dir, ich hoffe dass viele Erwachsene dies hier lesen, ich helf mit und teile diesen Beitrag.

  • #2

    Margitta (Mittwoch, 21 Februar 2018 09:27)

    Freies Lernen - JAJAJA! Ich war neulich im Waldkidergarten - schön! Aber auch da wird leider "erzogen", herrscht das Menschenbild von den kleinen ,dummen Nichtskönnern - in mir tauchte der Begriff "Herzenspädagogik" auf, der mir momentan so gut tat. Ich fühle ein neues Menschenbild heranwachsen - auch in mir, der ehemaligen Lehrerin, der Mutter, der umerzogenen Menschin - ich will entlernen und ganz so sein, wie ich gemeint bin -FREI!

  • #3

    Swantje (Mittwoch, 21 Februar 2018 16:22)

    Ja, so schön beschrieben!! Mit 4 unterschiedlichen Kindern von 6-12 dürfen wir an einer Vielzahl solcher Prozesse teilhaben und gut darauf aufpassen sie nicht aus Versehen zu (zer)stören...... � diese Muster aus der eigenen Kindheit sitzen so tief.... Schön, wenn man einen guten Ort findet, an dem man dabei nicht behördlich gestört wird! A prospros, wo wohnt ihr? Hier im Elsass ziehen die Kontrollen gerade an.....