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Abnabelung – loslassen – auf eigenen Füssen stehen

Seit ich selbst Kinder habe, also inzwischen seit bald 7,5 Jahren, stelle ich mir die Frage, bzw. werde damit von aussen konfrontiert, wann ein Kind gewisse Schritte alleine meistern sollte, wann die Eltern/die Mutter/der Vater loslassen sollte.

Das beginnt mit gewissen Vorstellungen, die in unserer Gesellschaft nach wie vor von den meisten befolgt werden:

·         Stillen Ja/Nein – wie lange?

·         Familienbett oder eigenes Bett?

·         Fremdbetreuung ab wann?

·         Motorische Entwicklungsschritte des Kindes zu bestimmten Zeiten!

·         Kita/Kindergarten/Schule

Dass ich diesen Artikel nun schreibe, hat sich aus folgender Situation heraus ergeben:

Wir praktizieren seit jeher das Familienbett, d.h. meine Jungs (5 und 7) schlafen gemeinsam mit mir und meinem Mann in einem grossen Familienbett. Auch wenn meine Kinder dies in anderen Familien auch anders erleben, entstand bisher nie der Wunsch, „auszuziehen“. Für uns als Eltern fühlt es sich nach wie vor richtig und gut an.

Dennoch haben wir uns, aufgrund der baldigen Ankunft unseres 3. Kindes, dazu entschlossen, meinen Jungs jedem ein „eigenes“ Bett ins gemeinsame Zimmer zu stellen. Für mich jedoch nicht mit dem Ziel, dass sie ab sofort dort schlafen „müssen“, sondern dann, wenn es für sie passt und auch, damit sie eine Rückzugsmöglichkeit haben, falls es nachts mit Baby mal etwas lauter werden sollte.

Jetzt haben meine Jungs also ihr Hochbett und freuen sich, darauf zu klettern und zu spielen. Was sie aber sehr verunsichert hat, waren mal wieder die Stimmen, die von aussen an sie drangen. „Habt ihr schon drin geschlafen?“ und „Da habt ihr ja tolle Betten, da könnt ihr JETZT schlafen!“

Ich musste daraufhin erst mal mit meinen Jungs klarstellen, dass sie überhaupt keinen Stress haben, sondern sich damit so lange Zeit lassen können, wie sie es brauchen. Grosses Aufatmen beiderseits…

 

Muss sich ein Kind zu bestimmten Zeiten von den Eltern lösen und auf welcher Grundlage werden diese Zeiten für die Allgemeinheit definiert?

Die meisten Erziehungsratgeber sind ja sehr übersichtlich durchstrukturiert, da erklärt man den Eltern, wann ein Kind seinen ersten Brei bekommt, wann es langsam Zeit fürs Abstillen ist, wann es robben, laufen, sprechen lernen sollte, etc.

Und wenn das Kind dann noch nicht soweit ist, wird eben nachgeholfen, mit den geeigneten Therapien, mit Manipulationsessenspielchen, wenn gar nichts hilft auch gerne mal mit schreien lassen und körperlicher wie seelischer Gewalt.

Da werden Kinder in den Krippen, Kindergärten und sogar noch in der Schule gegen ihren Willen von den „Pädagogen“ festgehalten, auch wenn sie schreien und toben, damit sie sich von den Eltern lösen. Und man sieht es als Erfolg an, wenn das Kind nach ein paar Minuten zu schreien aufhört und resigniert. Da gibt es natürlich auch die Kinder, die gerne in solchen Strukturen sind, da gibt es aber auch genügend, die schon viel früher resigniert haben, weil sie von Anfang an gelernt haben, dass sie gegen die Macht der Erwachsenen nicht ankommen und sich bereitwillig anpassen, dann aber seltsamerweise sehr häufig mit körperlichen und psychischen Krankheitssymptomen reagieren.

 

Also wann ist nun die richtige Zeit, für gewisse Loslösungsprozesse?

Es wäre fantastisch, wenn das jeder Mensch, also jedes Kind einfach von sich aus machen könnte. Aber das scheint in unserer Gesellschaft leider utopisch. Es gibt genügend Familien, die dazu rein finanziell gezwungen sind, dass beide Elternteile arbeiten gehen, von Alleinerziehenden brauchen wir gar nicht erst sprechen.

Und doch bedeutet dieser Umstand, dass ich mein Kind früh fremdbetreuen lassen muss, nicht, dass ich es auch in allen anderen Bedürfnissen zum „loslassen“ zwinge.

Kinder sichern durch ihre Abhängigkeit uns gegenüber schlichtweg ihr Überleben. Wenn ein Baby, welches sich nicht alleine fortbewegen kann oder sich verbal ausdrücken kann, schreit, wenn es alleine gelassen wird, dann hat das damit zu tun, dass es so um sein Überleben kämpft. Es weiss nämlich nicht, dass die Mutter hinter der Tür steht und sich vorgenommen hat, erst nach 5 Minuten zu ihrem schreienden Baby zu gehen und darauf hofft, dass sich das Baby selbst beruhigt.

Wenn ein Baby anfängt sich durch robben, krabbeln und laufen von den Eltern zu entfernen, bleibt es dennoch in Sichtkontakt und geht immer wieder zurück, um den Kontakt zu sichern.

Bis ins Erwachsenenalter sind unsere Kinder mehr oder weniger von uns abhängig, denn wir versorgen sie nicht nur mit Nahrung und Materiellem, wir sind ihre wichtigsten Bezugspersonen, die für sie auf allen Ebene sorgen, sie lieben und für sie da sind.

 

Die Kleinkindjahre:

 Als Baby ist unser Kind zu 100% von uns abhängig. Ohne eine Bezugsperson würde es sterben. Im Kleinkindalter ist das nicht viel anders. Würde ein 4-jähriges Kind alleine bleiben, könnte es wahrscheinlich nicht überleben. Deshalb sichern sie den Kontakt zu ihren wichtigsten Bezugspersonen, weil ihr Überleben damit sichergestellt ist. In diesem Alter bedeutet eine gelungene Fremdbetreuung also, dem Kind die Zeit zu geben, bis es der neuen Bezugsperson in gleichem Masse vertrauen kann, wie den Eltern. Das Kind vertraut ihnen sein Leben an. Wenn wir das so betrachten, wird vielleicht deutlich, warum das nicht in kurzer Zeit geschehen kann, sondern eben so lange dauert, wie es dauert. Den Loslösungsprozess bemerken wir in der Trotzphase: Das Kind möchte alles alleine machen, es möchte selbstständig werden, im sicheren Kontakt.

 

Wackelzähne

Während dem Zahnwechsel verhält sich unser Kind plötzlich ganz merkwürdig. Einerseits vorpubertär, andererseits wieder wie ein Kleinkind. „Mama hau ab und lass mich in Ruhe!“ wechseln sich ab mit „Mama, ich will auf deinem Schoss sitzen und am liebsten den ganzen Tag nur bei dir sein.“

Wie schon in der „Trotzphase“ sind dies weitere Zeichen des langsamen Loslassens. Einerseits vermehrte körperliche wie emotionale Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Andererseits ganz viel Halt durch die Möglichkeit, immer in Mamas Schoss zurückzukehren. Einerseits ein ganz vehementes sich trennen – andererseits die Gewissheit zu haben, immer wieder aufgefangen zu werden und trotz der Trennung, die gerade durch das Kind provoziert wird, geliebt zu werden.

 

Pubertät

In der Pubertät findet dieser Loslöseprozess natürlich noch sehr viel stärker statt. Seinen Körper bewusst abgrenzen, nicht mehr so viel Nähe zulassen zu den Eltern, auch mal ausprobieren, ein paar Tage ohne Erwachsene zurecht zu kommen. ABER auch hier immer noch mit der wichtigen Möglichkeit, jederzeit ins Elternhaus zurückzukommen und dort einen Platz zu haben, an dem man geliebt wird und willkommen ist.

 

Wenn diese verschiedenen Abnabelungsprozesse abgeschlossen sind, sollten wir als Erwachsene in der Lage sein, ein eigenständiges Leben zu führen. 

 

Was geschieht, wenn ein Kind diesem eigenen inneren Prozess nicht folgen kann bzw. wenn es zu verfrühter „Selbständigkeit“ durch die äusseren Umstände gezwungen wird?

Ein Kind zeigt durch verschiedene Möglichkeiten, dass es mit einer Trennung nicht einverstanden ist: Schreien, Toben und Aggressionen, Ängste, psychische oder körperliche Krankheitssymptome oder Resignation. Übergehen wir als Erwachsene diese Signale und zwingen somit dem Kind eine verfrühte Selbständigkeit auf, riskieren wir nicht nur die beschriebenen „Probleme“, sondern vor allem einen Beziehungsabbruch. Das Kind erlebt bei seinen Bezugspersonen keinen sicheren Halt mehr, den es eigentlich braucht, um sich weiterzuentwickeln. D. h. es passt sich entweder den Umständen an und gibt dafür sich selbst auf, weil es seine Bedürfnisse ignorieren muss, oder es wird in irgendeiner Art und Weise zum „Problemfall“, also passt nicht mehr ins soziale System.

Spätestens in der Pubertät haben wir dann Jugendliche, die in ihrer Familie keine Sicherheit mehr finden und zu verfrüht in die Erwachsenenrolle gedrängt werden. Da die Abhängigkeit von einer Bezugsperson nach wie vor wichtig ist, weil die meisten noch damit überfordert wären, wirklich selbständig zu sein, machen sie sich von anderen Jugendlichen abhängig. Gleichaltrige entscheiden in diesem Fall über Recht/Unrecht, Gut/Böse, Werte und Norme.

 

Was können wir als Eltern tun?

Wir können einerseits versuchen, auf die Bedürfnisse unserer Kinder einzugehen. Wenn das nicht geht, weil es z.B. gegen unser eigenes Bedürfnis geht oder wir durch äussere Umstände gezwungen sind, so zu handeln, braucht es ein genaues Hinsehen:

  • Abwägen der Bedürfnisse
  • Abwägen der äusseren Umstände
  • Was brauche ich/was braucht mein Kind?
  • Wenn ich das Bedürfnis meines Kindes nicht erfüllen kann, wer kann es dann?
  • Was braucht mein Kind an Sicherheit und Halt, um in einer anderen Situation loslassen zu können?
  • Habe ich genügend Menschen in meinem Umfeld, die mein Kind im Notfall auffangen können?

Kinder zeigen in der Regel recht deutlich, was sie brauchen oder nicht und das wichtige dabei ist: JEDES KIND IST ANDERS! JEDE FAMILIE IST ANDERS!

Ich möchte hier dazu ermutigen, dass jede Familie für sich ihren Weg findet, indem sie die Bedürfnisse ALLER Familienmitglieder berücksichtigt. Genau zu schauen, was die Möglichkeiten sind und aus welcher Motivation heraus wir handeln und Entscheidungen treffen. Und vor allem auch zu reflektieren und uns einzugestehen, wenn eine Entscheidung nicht die richtige war, wenn es der ganzen Familie damit schlecht geht. Und den Mut, diese Entscheidung dann zu ändern!

 

Unser Umfeld hat Angst, dass unsere Jungs NIE in eigenen Betten schlafen wollen. Ich habe Vertrauen, dass sie das werden, wenn sie reif dafür sind und schenke ihnen gerne meine Liebe und meine Nähe, solange sie diese brauchen. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Marie (Sonntag, 28 Januar 2018 11:14)

    Danke ❤️! Sehe ich genauso. Meine Kinder sind 5 Jahre, 3 Jahre und 6 Monate & wir schlafen noch alle gerne in unserem Familienbett. Kindergarten ist auch noch nicht aktuell und auch das fühlt sich richtig an.